Kreisverband Gießen

BUND Kreisverband Gießen und Forstamt Wettenberg informierten zu Waldwirtschaft und Naturschutz bei Exkursion im Kinzenbacher Wald.

29. Oktober 2020 | Klimawandel, Wälder, Wildkatze, Bodenerosion

Der BUND Kreisverband Gießen lud am Samstag den 24.10.2020 gemeinsam mit Hessen-Forst, Forstamt Wettenberg, zur Exkursion „Naturschutz und Waldwirtschaft“ im Kinzenbacher Wald nordwestlich von Gießen ein. Der Einladung folgten rund 40 Personen, weiterlesen...

Bild: Andrea Malkmus

...die unter Einhaltung aller Pandemieschutzmaßnahmen eine etwa dreistündige Wanderung antraten. Andrea Malkmus begrüßte die Teilnehmer*innen im Namen vom BUND Kreisverband Gießen und stellte die fachliche Leiterin der Exkursion Fr. Rita Kotschenreuther vor. Die Försterin und Waldpädagogin erläuterte im Folgenden an verschiedenen Stationen die Zusammensetzung und die Historie des aktuellen Waldbestands. So erfuhren die Teilnehmer*innen zunächst, dass ohne den Einfluss des Menschen auf nahezu der gesamten Fläche des Kinzenbacher Waldes eigentlich ein Buchenwald ausgebildet wäre. Da jedoch dieser Wald bereits einer jahrhundertelangen Nutzung durch den Menschen unterliegt, wurden nun ganz unterschiedliche Ausprägungen von Baumbeständen angetroffen. Zunächst stellte Fr. Kotschenreuther einen ca. 130 Jahre alten Eichenbestand vor. Dieser entstand durch Ansaat und wurde schon lange durch forstwirtschaftliche Auslese so gefördert, dass sich das wertvolle Nutzholz Eiche bestmöglichst entwickelt. Da die sehr lichtbedürftige Eiche sensibel auf Beschattung reagiert, muss ihr ein Leben lang durch Entnahme von Konkurrenz geholfen werden. Auch die in der Nachbarschaft angepflanzte schnellwüchsige Douglasie wurde unter dem Nutzenaspekt insbesondere für den Hausbau angesiedelt.

Im weiteren Verlauf der Wanderung sah die Gruppe dann verschieden alte Laubwaldanpflanzungen, die der durch Windwurf und Borkenkäferbefall stark geschädigten Fichte folgten und entstandene Lücken im Wald schließen. Unterschiedliche Gehölze ergänzen mittlerweile von Natur aus die gepflanzten Baumarten. Ein knorriger Eichenbestand von etwa 90 Jahren am Hang in Richtung Rodheim erwies sich trotz des urigen Aussehens nicht als Urwald, sondern als historische Waldnutzungsform, denn ursprünglich wurden diese Eichen als Niederwald regelmäßig alle zwanzig Jahre „auf den Stock“ gesetzt (heruntergeschnitten). Dies diente zur Brennholzgewinnung und der Ernte von Eichenrinde zur Gerberloheherstellung. Erst nach dem zweiten Weltkrieg verlor sich diese Waldnutzung und die Bäume bildeten die nun verbliebenen Stämme mit „Elefantenfußform“ aus. An einer Anpflanzung von Großer Küstentanne, einer amerikanischen Nadelbaumart, wurde die Rolle des Waldes als Rohstofflieferant diskutiert. Der jährliche Bedarf von ca. 1,4 Festmeter Holz, den jeder Bundesbürger rechnerisch verbraucht (davon allein ca. 250 kg Papier und Zelluloseprodukte) sollte laut Fr. Kotschenreuther möglichst aus heimischer Produktion gedeckt werden, so dass ein Import aus zweifelhaften Quellen im Ausland vermieden wird. Daher sei auch auf Nadelholzanbau bei uns nicht zu verzichten. Auf einer Anhöhe Richtung Osten befinden sich auffällige Wälle im Kinzenbacher Wald, die zu einer Schanzenanlage aus dem Siebenjährigen Krieg (1756 bis 1763) gehören. Auch diese Anlage sagt etwas über den Wald aus, nämlich, dass rundum zur Errichtungszeit der Schanze freie Sicht geherrscht haben muss, der Wald folglich viel jünger ist, als die baulichen Reste der Militäranlage. Sehr dicke rund 200 jährige Eichen mit tief ansetzenden Ästen und breiter Krone umgeben von viel jüngeren Gehölzen bestätigen dies. Hier handelt es sich um sogenannte „Huteeichen“, die zur Gewinnung von Eichelmast für die dort gehüteten Hausschweine auf den freien Weideflächen stehen gelassen wurden. Die starke Trockenheit der letzten Jahre hat selbst unter diesen so widerstandsfähigen Exemplaren einige absterben lassen, was eindrucksvoll den Klimastress, dem der Wald insgesamt ausgesetzt ist, belegt. Dieser Waldteil wird schon viele Jahre nicht mehr bewirtschaftet, abgestorbene Bäume werden als Biotopbäume stehen gelassen.

Die Exkursion durchstreifte anschließend einen ca. 200 Jahre alten Buchen-Eichen-Mischbestand, der trotz bzw. wegen einer jahrhundertelangen Bewirtschaftung hinsichtlich seiner Zusammensetzung aus standorttypischen Laubbäumen als sehr naturnah einzustufen ist und der gleichzeitig forstlich hervorragende Qualitäten der Baumstämme hervorgebracht hat. Fr. Kotschenreuther betonte, dass ohne forstliche Eingriffe hier die ökologisch sehr wertvolle Eiche schon längst nicht mehr zu finden gewesen wäre. Die unterschiedliche Anreicherung von Totholz in einer genutzten und einer benachbarten ca. 70 Jahre nicht genutzten Fläche belegte die letzte Station. Insgesamt verdeutlichte die Wanderung, dass im Grunde aller mitteleuropäischer Wald menschlich genutzt war und in heutigen Waldflächen eine große Bandbreite von relativ unbeeinflussten Wald über bewirtschaftete Waldflächen mit den unterschiedlichsten naturnahen Elementen bis hin zu mehrheitlich der Holzproduktion unterworfenen Flächen existiert. Eine naturgemäße Forstwirtschaft versucht dabei, eine möglichst naturnahe Waldentwicklung nachzuempfinden ohne die weiteren Ansprüche an den Wald als Rohstofflieferant und Erholungsort für alle zu vernachlässigen sowie das Habitatangebot für Tiere und Pflanzen zu erhalten. Nach dieser lehrreichen Exkursion wurde allen Teilnehmer*innen klar, wie schwierig dieser Spagat bei zunehmendem Klimastress zu bewältigen ist.

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