Giessener Samentüte sorgt für 5000 m² Blühflächen in der Stadt

 

 

Gießener Samentüte
Gießener Samentüte

Die BUND Kreisgruppe in Gießen hat sich bereits seit einigen Jahren mit der Neuanlage diverser Kleinflächen entlang von Strassen und Plätzen beschäftigt, die bisher nur als „Restflächen“ wahrgenommen wurden und meist mit Raseneinsaat uniform begrünt wurden.  Wir hinterfragten die vorhandenen Begrünungen kritisch und luden verschiedene Referenten zum Thema „Blühflächen in der Stadt“ im Rahmen einer Vortragsreihe ein, denn Gießen ist auch Mitglied im „Bündnis Kommunen für biologische Vielfalt“, eine Aktivität im Rahmen der nationalen Biodiversitätsstrategie Deutschlands.

Die fachliche Auseinandersetzung mit dem Thema zeigte, dass hier viele verschiedene Aspekte wie Artenvielfalt, Anlage- und Pflegeaufwand, Kostenfaktoren, Bienen- und Insektenweide u. v .m. berührt werden. Unsere Überlegung war, Blühflächen in der Stadt nicht nur bunt und pflegeleicht zu gestalten, sondern wo immer möglich, heimische Arten von Blühpflanzen zu verwenden und möglichst auf regionales Saatgut zurück zu greifen. Das Thema sprach eine große Anzahl von Bürgern an, die gerne selbst gestalterisch wirken und Kleinflächen in ihrem Umfeld zu bunten und artenreichen Keimzellen machen wollten. Durch die Zusammenarbeit von Bürgern, BUND KV Gießen, Gartenamt Gießen und der Künstlergruppe „Gärtnerpflichten“, die für die Landesgartenschau GmbH die Durchführung von Auftaktveranstaltungen für die Landesgartenschau 2014 übernahm, wurde die Idee einer eigenen „Giessener Samentüte“ für jedermann mit regionalem heimischem Saatgut von Wildpflanzen geboren.

Der Inhalt der Samentüte bestand aus 40 Kräutern und drei Grasarten, die Menge reichte aus für ca. 5 m² Aussaatfläche, eine leicht verständliche Aussaatanleitung war beigefügt. Die Gestaltung übernahmen „Gärtnerpflichten“ unter Verwendung einer Zeichnung der Künstlerin Karin Bergdolt, die an weiteren Kunstprojekten mit Stadtnaturbezug arbeitet. Die Zusammensetzung der Samenmischung konzipierte der vor Ort ansässige Anbau- und Vermehrungsbetrieb „Wildsaaten“ (Wetzlar – Garbenheim), der über große Erfahrung im Zusammenhang mit der Anlage und Etablierung von Blühflächen aus heimischen Pflanzenarten verfügt. Da ja eine Artenauswahl für ein möglichst breites Standortspektrum gewählt werden und gleichzeitig auch optisch ansprechende Blütenpflanzen beteiligt sein sollten, entschieden wir uns für die Mischung „Wildbienen- und Insektensaum für Siedlungslagen“ der Wildsaaten GbR. Die Samentüte wurde zunächst in einer Auflage von 500 Stck. bestellt, Abfüllung in Tüten und Verpackungsgestaltung durch spezielle Aufkleber übernahm der Mischer und Abfüller des Saatgutes Rieger-Hofmann GmbH. Der Verkaufspreis konnte durch subvention des Herstellungspreises durch die Stadt Gießen auf 1,- € je Tüte gesenkt erden. Als Verkaufsorte wurden gut erreichbare Stellen wie Stadtbüro, Touristeninformation und Gießkannenmuseum der Stadt gewählt, aber auch der BUND Gießen vertrieb die Tüte bei Veranstaltungen und an Infoständen.

Die erste Auflage war allerdings so gefragt, dass wir innerhalb einer Woche eine weitere Lieferung von 500 Stck. bestellen konnten. Da wir die Samenmischung und ihre Entwicklung natürlich auch öffentlichwirksam und an zentralem Ort präsentieren wollten, suchten wir nach einer innerstädtischen Fläche in zentraler Lage, die als Beispielfläche für die Samentütenmischung dienen konnte. Da Einsaat und ggf. Schnitt von Freiwilligen geleistet werden mussten (das Gartenamt übernimmt Wässern im Sommer und Abtransport von Schnittgut), durfte die fläche nicht zu groß sein. Das Gartenamt der Stadt Gießen stellte uns im Frühjahr 2013 eine ca. 60 m² große Fläche vor der Kongresshalle und der Touristinformation (Stadtmitte) zur Verfügung. Einschränkend bei der Ansaat wirkte sich aus, dass die Fläche bereits über eine Frühjahrsbepflanzung verfügte (Tulpen, Stiefmütterchen), die vom Gartenamt entfernt wurde und der Boden nährstoffreich und mit weiteren Samenvorräten befrachtet ist.

Die problematische Entwicklung wurde vor Ort diskutiert und nach Rücksprache mit den Saatgutherstellern Wildsaaten wurde die Fläche im September einem sogenannten Schröpfschnitt unterzogen, um Einjährige und übermäßigen Masseaufwuchs zurück zudrängen und die Entwicklung der Stauden aus der Ansaatmischung zu fördern. Der Rückschnitt wurde von der BUND Kreisgruppe vorgenommen, für den Schnittgutabtransport sorgte das Gartenamt. Eine zusätzliche Zuspitzung des Themas in der Wahrnehmung durch Bürger entstand dadurch, dass die Fläche des zur Verfügung gestellten Beetes auch als Eingrünung eines Gedenksteines zur Erinnerung an die Holocaustopfer Gießens und den Standort der zerstörten Giessener Synagoge dient. Daraus wurden Ansprüche an die Gestaltung des Beetes durch Bürger abgeleitet, die mit einer Wildpflanzenansaat nicht konform gehen.

Die Beteiligten von BUND, Gruppe Gärtnerpflichten und Gartenamt wurden zum Teil mit harscher Kritik konfrontiert („Wildwuchs fördert pietätloses Verhalten“, Gedenkplatz braucht eine Art Friedhofsgestaltung“ etc.). Diese zusätzliche Konfrontation hätte durch eine andere Flächenauswahl ohne Mehrfachbelegung der Fläche vermieden werden können. Dennoch hielt das Gartenamt nach unserer Schröpfschnittaktion weiterhin an der Beispieleinsaat fest. Die Gießener Samentüte jedenfalls wurde in einer Auflage von 1000 Stck. verkauft. Wir hoffen auf die Entwicklung von 5000 m² naturnaher und heimischer Blühfläche überall in der Stadt und darauf, dass die Gießener Bürger auch weiterhin neugierig und aufgeschlossen gegenüber dem Thema Stadtnatur bleiben.